Eigentlich ist das eine peinliche Frage.
Ein Mann von fast sechzig nennt sich nach einem mittelalterlichen Ritter, betreibt eine Webseite mit dem Namen, ein Twitter-Profil, schreibt ein Buch darüber. Wer das hört und nicht weiß warum, denkt entweder: Cosplay. Oder: Midlife-Crisis mit literarischer Garnierung.
Beides wäre nicht ganz falsch. Aber auch nicht das, worum es geht.
Ich versuche hier zu erklären, warum dieser Name. Warum nicht Krieger. Warum nicht Wanderer, Sucher, Pilger. Warum dieser eine Mann aus einem 800 Jahre alten Buch, von dem ich nicht einmal weiß, ob es ihn jemals gegeben hat.
Was ich vorher probiert hatte
Ich habe lange Krieger gesagt. Trungpa, Shambhala, Sacred Warrior — der Krieger, der ohne Aggression kämpft. Ich habe Marc Aurel am Limes gelesen, in der ersten Person Singular. Ich habe Musashi auf dem Nachttisch liegen gehabt. Eine Weile war das eine ehrliche Antwort. Krieger. Es passte zu dem Mann, der ich sein wollte.
Aber es passte nicht zu dem Mann, den ich morgens beim Aufwachen vorfand.
Der Krieger geht. Der Krieger trainiert. Der Krieger fasst sich kurz. Mein Problem war nicht, dass ich nicht gegangen wäre. Ich war fünfmal gegangen, durch fünf Länder, drei Karrieren. Mein Problem war, dass ich an jedem dieser Orte vor einer Tür gestanden hatte und nicht hindurchgegangen war. Nicht weil ich sie nicht aufgemacht hätte. Sondern weil ich vor jeder Tür dieselbe Frage nicht gestellt hatte.
Krieger erklärt diesen Mann nicht. Krieger erklärt den, der einsam zieht. Mein Problem war nicht das Ziehen. Mein Problem war das Schweigen.
Wie ich ihm begegnet bin
Ich habe Parzival in der Schule gelesen. Es ist nichts hängengeblieben. Wolfram war Pflicht, Pflicht war Trotz, Trotz war Verlust. Vierzig Jahre später habe ich das Buch wieder aufgeschlagen, an einem Abend in Siebenbürgen, in einer Wohnung im achten Stock, ohne Erwartung. Ich hatte aufgehört, abends fernzusehen. Mir fehlte etwas zu lesen.
In der ersten halben Stunde bin ich an einem Satz hängengeblieben. Parzival sieht den verwundeten König, sieht die Wunde, und sagt — nichts.
Ich habe das Buch zugeklappt. Nicht aus Begeisterung. Sondern weil ich gemerkt hatte, dass ich gerade meine eigene Biografie in einem mittelhochdeutschen Vers wiedergefunden hatte.
Das war keine Metapher. Das war ein Spiegel.
Was ich in ihm sehe
Ich sehe einen Mann, der von einer Mutter aufgezogen wurde, die ihren Sohn vor allem schützen wollte, was den Vater hatte sterben lassen. Eine Frau, die das Erbe der Männerwelt blockiert, weil sie weiß, was diese Welt mit Männern macht. Mit guten Absichten. Aus Liebe. Mit dem Ergebnis: ein Junge in Narrenkleidern, der sich für gewappnet hält und es nicht ist.
Ich sehe einen Mann, der irgendwann doch losgeht und alles falsch macht. Der den Falschen tötet, die Falsche küsst, dem Falschen folgt. Der in eine Burg stolpert, die er nicht versteht. Der vor einem Verwundeten steht und schweigt — nicht aus Bosheit, sondern weil ihm ein gut meinender Lehrer beigebracht hat, höflich zu sein.
Ich sehe einen Mann, der danach jahrelang durch eine Wildnis irrt. Wütend auf Gott, wütend auf sich selbst. Der Schlachten kämpft, die nichts lösen.
Und ich sehe einen Mann, der irgendwann bei einem alten Onkel im Wald ankommt — Trevrizent —, und einen Satz hört, der mein eigener Satz hätte sein können:
Du warst wütend auf den Hof. Aber du hast auch geschwiegen. Fang dort an.
Bis zu diesem Moment war Parzival eine Geschichte. Nach diesem Satz war er ich.
Der eigene Boden
Ich nenne mich nicht Parzival, weil ich Mittelaltermarkt mag.
Ich nenne mich Parzival, weil seine Geschichte aus meiner Sprache kommt, aus meinem Boden, aus Wäldern, in denen ich als Junge mit dem Fahrrad gefahren bin. Wolfram hat seine Verse irgendwo zwischen dem Frankenland und dem Donautal aufgeschrieben — keine vierzig Kilometer von dem Wald entfernt, in dem ich Bunker gebaut, Forellen gefangen und Fremdenlegionär werden wollte habe.
Wenn ein Japaner Musashi liest, liest er seine eigene Geschichte. Wenn ich Musashi lese, lese ich eine Übersetzung — eine gute, eine wichtige, aber doch eine Übersetzung. Wenn ich Wolfram lese, lese ich den Originaltext. In meiner Sprache. Aus meinem Lehm. Über einen Mann, der mit fast sechzig immer noch nicht weiß, warum er die Frage nicht gestellt hat — und ich erkenne mich. Nicht als Metapher. Als Spiegel.
Vorher war ich Krieger, weil mir der Ritter zu fremd geworden war. Mir war das Wort peinlich. Ich hatte mir etwas Geliehenes geholt, weil das Eigene mir verschüttet vorkam.
Das ist mir nicht mehr peinlich. Nicht weil ich plötzlich stolz auf etwas wäre, sondern weil ich gemerkt habe, dass es nichts mit Stolz zu tun hat. Es ist einfach das Material, aus dem ich gemacht bin. Andere Hände haben damit gearbeitet, lange vor mir. Ich nehme dasselbe Werkzeug aus der eigenen Werkstatt. Es lag immer dort, unter dem, was andere draufgelegt hatten.
Was der Name jetzt für mich tut
Ich nenne mich Parzival, weil das die genaueste Beschreibung dessen ist, was ich erlebt habe. Nicht heroisch. Nicht edel. Nicht „auf dem Weg". Eher: zu spät, an der falschen Stelle, die falsche Frage gestellt — und dann jahrelang versucht zu verstehen, warum.
Der Name macht mich nicht zu jemand anderem. Er erinnert mich an etwas, was ich oft genug vergessen wollte: dass mein Leben nicht zufällig so aussieht, wie es aussieht. Dass jemand vor 800 Jahren dieselbe Form schon einmal beschrieben hat. Und dass die Frage, an der er scheiterte, dieselbe ist, an der ich gescheitert bin — Jahrzehnt um Jahrzehnt, in fünf Ländern, in drei Karrieren.
Drei Wörter. Was fehlt dir?
Ich hatte sie nie gestellt. Ich habe sie spät gestellt. Aber ich habe sie gestellt.
Wenn ich mich heute Parzival nenne, dann ist das keine Behauptung über das Ankommen. Es ist eine Notiz darüber, wo ich war, was ich versäumt habe und warum ich umkehren musste.
Mehr ist es nicht. Aber das ist genug, um daraus eine Webseite, ein Buch und eine zweite Hälfte des Lebens zu machen.